In Bewegung bleiben
Während eines bestimmten Abschnittes meines Lebens – insbesondere zwischen 1982 und 1990 – hatte ich meine Gespräche mit J., den ich vor allem als meinen Freund betrachtet hatte, der mich aber viel über die Symbolsprache der Welt gelehrt hatte, in einem Heft niedergeschrieben. Als ich vor Kurzem die Biografie las, die Fernando Morais über mich geschrieben hat, habe ich folgenden Text daraus abgeschrieben:
“Die Menschen beklagen sich zwar über sie, aber letztlich lieben sie die Routine”, sagte ich zu J.
“Selbstverständlich, und das aus einem einfachen Grund: Die Routine gibt ihnen ein falsches Gefühl von Sicherheit. Mit der Routine ist der heutige Tag genau wie der gestrige, und der morgige wird keine Überraschungen bringen. Wenn wieder ein ereignisloser Tag vergangen ist, beklagt sich zwar ein Teil der Seele, dass man nichts Neues erlebt hat, doch der andere Teil ist zufrieden – paradoxerweise aus dem gleichen Grund.
Selbstverständlich ist dieses Gefühl von Sicherheit ganz falsch, niemand hat sein Leben unter Kontrolle, und eine Veränderung kommt immer in dem Augenblick, in dem man sie am wenigsten erwartet, erwischt einen gerade dann, wenn man weder reagieren noch kämpfen kann.”
Darauf frage ich zurück: “Wenn wir frei sind, uns für ein immergleiches Leben zu entscheiden, warum zwingt uns dann Gott zu Veränderungen?”
Und J. antwortete: “Was ist die Wirklichkeit? Es ist unsere Vorstellung davon, wie sie zu sein hat. Wenn viele Menschen ‘denken’, dass die Welt so oder so ist, kristallisieren sich die Dinge um uns herum, und eine Zeit lang verändert sich nichts. Das Leben ist jedoch eine ständige Evolution – auf gesellschaftlicher, politischer, spiritueller Ebene, auf welchem Niveau auch immer. Damit die Dinge sich weiterentwickeln, müssen sich die Menschen verändern. Da wir alle miteinander verbunden sind, gibt das Schicksal manchmal denen einen Schubs, die die Evolution verhindern.”
“Meistens in Form eines Unglücks, das uns zustößt…”
“Das Unglück ist eine Frage der Sichtweise. Wenn man die Wahl trifft, sich als Opfer der Welt zu sehen, wird alles, was einem passiert, die dunkle Seite der Seele nähren, und man wird sich ungerecht behandelt, leidend, schuldig, zu Recht bestraft fühlen. Trifft man allerdings die Wahl, ein Abenteurer zu sein, können die Veränderungen – auch unvermeidliche Verluste, da sich alles auf der Welt verändert – Schmerzen hervorrufen, aber sie werden einen auch gleichzeitig vorwärtsbringen, indem sie einen zwingen, zu reagieren.
In vielen mündlichen Überlieferungen wird die Weisheit als ein Tempel mit einem Tor mit zwei Säulen dargestellt: Diese beiden Säulen tragen immer die Namen von Gegensätzen. so heißt eine beispielsweise Angst und die andere Wunsch. Wenn ein Mensch vor diesem Tor steht, schaut er auf die die Säule mit dem Namen Angst und denkt: ‘Mein Gott, was werde ich vorfinden?’ Dann schaut er auf die Säule namens Wunsch und denkt: ‘Mein Gott, ich bin so sehr an das gewöhnt, was ich habe, ich möchte weiter so leben, wie ich immer gelebt habe.’ Und er bleibt dort stehen. Das nennen wir Überdruss.”
“Der Überdruss ist…”
“... Bewegung, die aufhört. Instinktiv wissen wir, das etwas nicht stimmt, und begehren auf. Wir beschweren uns über unsere Ehepartner, Kinder, Nachbarn. Andererseits wissen wir, dass ein sicherer Hafen sind.”
“Kann jemand immer so leben?”
“Manchmal versetzt uns das Leben zwar einen Stoß, doch wir bleiben stehen, wo wir waren und beschweren uns weiter – dann war unser Leiden aber nutzlos, weil es uns nichts beigebracht hat.”
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