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Impressionen und Geschichten



Neues

Paulo Coelho: "Die Weisheit des Lebens" ·  4.09.10

Der Geschmack und die Zunge
Ein Zen-Meister machte mit einem Schüler Rast und zog eine Melone aus seinem Beutel, die er in zwei Hälften teilte. Beide begannen zu essen. Während sie aßen, meinte der Schüler: “Mein weiser Meister, ich weiß, dass alles, was Ihr tut, einen Sinn hat. Diese Melone mit mir zu teilen, ist vielleicht ein Zeichen dafür, dass Ihr mir etwas beibringen wollt.”
Der Meister aß schweigend weiter.
“Euer Schweigen deute ich als eine geheime Frage”, ließ der Schüler nicht locker. “Und es wird folgende sein: Wo befindet sich der Geschmack, den ich wahrnehme, während ich diese köstliche Frucht esse? In der Melone oder auf meiner Zunge?”
Der Meister sagte nichts. Der Schüler fuhr fort: “Und da alles im Leben einen Sinn hat, denke ich, dass ich der Antwort sehr nahe bin: Der Geschmack ist ein Akt der Liebe und der gegenseitigen Abhängigkeit, denn ohne die Melone gäbe keinen Gegenstand, der einem Lust verschafft, und ohne die Zunge…”

“Es reicht!”, sagte der Meister. “Die größten Toren sind jene, die sich für die intelligentesten Menschen halten und für alles eine Deutung suchen! Die Melone schmeckt köstlich, und das reicht. Lass mich in Frieden essen.”

Ryokan und der Räuber
Daigu Ryokan war außerstande, jemanden anzuklagen. Obwohl er ein großer Zen-Meiaster war, hat er sich nie für etwas Besseres gehalten.
Einer seiner Schüler bat ihn , mit seinem Bruder zu sprechen, der ein Räuber war und die ganze Stadt in Angst und Schrecken versetzte. Ryokan begab sich zum Haus des Räubers und verbrachte dort die ganze Nacht. Sie wechselten kein einziges Wort. Morgens half der Räuber, Ryokans Sandalen zu binden. Während er dies tat, begannen seine Tränen die die Füße des Meisters zu baden.

“Ich hatte nie den Besuch eines Weisen”, sagte er schluchzend. “Nur von anderen Räubern wie mir oder von Polizisten, die mich verurteilen wollten. Wenn Ryokan eine Nacht bei mir verbracht hat, dann muss ich noch etwas wert sein.”
Und von diesem Tag an hat der Mann nie wieder ein Verbrechen begangen.

El Greco und das Licht
An einem schönen Frühlingstag besuchte ein Freund den Maler El Greco. Zu seiner Überraschung fand er ihn bei zugezogenen Vorhängen in seinem Atelier vor. El Greco arbeitete an einem Bild, in dessen Zentrum die Jungfrau Maria stand, und er benutzte nur eine Kerze, um den Raum zu erhellen.
Der Freund meinte daraufhin: “Ich habe immer gehört,dass Maler die Sonne lieben, um die Farben, die sie benutzen, besser auswählen zu können. Warum ziehst du die Vorhänge nicht auf?”

“Jetzt nicht. Es würde das strahlende Feuer der Inspiration stören, das gerade in meiner Seele brennt und alles um ich herum mit Licht erfüllt.

“Mehr über den Bestseller-Autoren und seine Bücher:
www.paulocoelhoblog.com

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