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Impressionen und Geschichten



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Paulo Coelho: "Auf dem Jakobsweg" · 31.07.10

Auf meinem Pilgerweg nach Santiago de Compostele kamen mein Führer Petrus und ich irgendwann an einem Weizenfeld vorbei, das sich flach und gleichförmig bis zum Horizont erstreckte.Es herrschte vollkommene Stille.
Petrus nahm seinen Rucksack ab, kniete nieder und bat mich, es ihm nachzutun.
“Lass und beten.”
Petrus sagte, er sei ein Bewunderer des brasilianischen Dichters Vinicus de Moraes und werde nun ein Gedicht sprechen, das sich auf dessen Werke bezieht:

“Herr, erbarme dich derer, die sich selbst fehlerfrei und vom Leben ungerecht behandelt fühlen – sie werden nie den Guten Kampf kämpfen können.
Sei auch barmherzig zu denen, die ihr Werk als etwas Heiliges sehen und ihre Grenzen ein wenig überschreiten. Sie kennen dein Gesetz nicht:
‘Seid klug wie die Schlange und sanft wie die Taube.’

Erbarme dich, denn der Mensch will die Welt besiegen und niemals den Guten Kampf gegen sich selbst austragen.
Erbarme dich auch derer, die diesen Kampf gewonnen haben und heute an den Bars des Lebens , weil sie die Welt nicht besiegen konnten. Sie kennen dein Gesetz nicht:
‘Wer meinen Worten folgt, muss sein Haus auf Fels bauen.’

Erbarme dich derer, die Angst haben, Feder und Pinsel zu halten, weil sie glauben, andere hätten dies zuvor schon besser gemacht.
Erbarme dich derer, die Feder oder Pinsel dazu missbraucht haben, sich über andere zu erheben. Sie kennen dein -gesetz nicht:
‘Nichts wird verborgen, das nicht offenbart wird. Nichts wird im Verborgenen getan, was nicht entdeckt wird.’

Erbarme dich derer, die sich um des Seidenbandes der Liebe Willen versklaven lassen oder hadern, weil sie nicht einsehen, dass Liebe sich ändert wie der Wind.
Doch erbarme dich vor allem derer, die aus Angst vor der Liebe vergehen, Sie kennen das Gesetz nicht:
‘Wer von diesem Wasser trinkt, den wird nie wieder dürsten.’

Erbarme dich derer, die immer nur sich selbst sehen und für die andere ein undeutliches, fernes Szenarium sind,wenn sie in ihren Limousinen fahren, sich in klimatisierten Hochhäusern verschanzen.
Doch erbarme dich vor allem derer, die alles weggeben und wohltätig sind.Die versuchen, das Böse allein durch Liebe zu besiegen. Sie kennen dein Gesetz nicht: *Wer kein Schwert hat, der möge seinen Umhang veräußern und eines kaufen.’
Herr, erbarme dich unser, die wir suchen und wagen, das Schwert zu ergreifen, das du uns versprochen hast, denn wir sind ein heiliges und sündiges, über die Welt verstreutes Volk, weil wir uns selbst nicht kennen und häufig denken, dass wir Kleider tragen – obwohl wir nackt sind.
Vergiss in deiner Barmherzigkeit nicht, dass wir alle das Schwert gleichzeitig mit der Hand eines Engels und der Hand eines Dämons halten. Denn wir sind in der Welt, bleiben in der Welt und brauchen dich. Wir brauchen immer dein Gesetz, das da lautet:
‘Wenn ich euch ohne Beutel, Sack und Sandalen schickte, hat euch nichts gefehlt.”
Petrus hörte auf zu beten. Es war Stille. ER blickte lange auf das Weizenfeld.

“Mehr über den Bestseller-Autoren und seine Bücher:
www.paulocoelhoblog.com

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